Presse

Esslinger Zeitung vom 17.3.2018

Samstag 17. März 2018

Schlaf doch endlich!

Von Doris Brändle

Helvi war nie ein Kind, das einfach so einschläft. Während andere Babys scheinbar fast überall friedlich im Maxicosi schlummerten oder beim Stillen die Augen schlossen, blickte Helvi mit wachen Augen in die Welt. Als sie zwei, drei Monate alt war, gab mir eine Freundin den Tipp, sie doch einfach auf meinen Oberschenkel zu legen und hin und her zu schaukeln. Es funktionierte. Bald schaukelte ich Helvi vier oder fünf Mal am Tag singend in den Schlaf. Manchmal protestierte sie laut, aber am Ende schlief sie.

Heute ist Helvi 20 Monate alt. Aber in Sachen Schlaf sind wir irgendwie stehengeblieben. Sie schläft nur in Mamas oder Papas Arm im Elternbett ein. Mittags wacht sie nach einer halben Stunde auf. Nur wenn jemand da ist und ihre Hand hält, schläft sie weiter. Deshalb mache ich den Mittagschlaf mit. Und leide, weil ich doch so viel anderes zu tun hätte. Abends verfrachten wir das schlafende Kind ins eigene Bett. In einer guten Nacht wacht Helvi zweimal auf. In einer schlechten Nacht ruft sie immer wieder nach Mama oder Papa. Die meisten Nächte sind schlechte Nächte. So schlecht, dass wir uns an Anika Hempel gewandt haben. Die Diplom-Pädagogin hat das Familienzentrum Familie³ in Korb gegründet. „Schlafen ist bei fast allen Eltern das Thema Nummer 1“, hat sie in ihren Babykursen festgestellt. Deshalb hat sie sich zur Schlafberaterin weitergebildet.

Wir warten drei Wochen auf einen Termin. Dann sitze ich Anika Hempel im Beratungsraum im Korber Familienzentrum gegenüber. Sie will alles ganz genau wissen. Wie war die Schwangerschaft, wie die Geburt? Bis zu welchem Monat hat Helvi wo und wie geschlafen? Ich muss in meinem Kopf kramen, um mich an alles zu erinnern.

Ich erzähle, dass Helvi sich fast von Anfang an schwergetan hat mit Loslassen, manchmal weint sie auch heute noch, wenn Papa nur kurz aus der Tür geht. Anika Hempel geht tiefer. Wie das denn bei mir selber sei mit dem Loslassen? Und dann sitze ich da und heule und erzähle von meiner Mutter, die vor zehn Jahren gestorben ist. Hempel hört zu, schreibt mit, ich fühle mich fast ein bisschen wie in einer Therapiesitzung.

„Das Thema Schlafen ist sehr komplex und individuell“, sagt die Schlafberaterin. „Um hilfreich zu sein, muss ich herausfinden, wo die Ursachen für das Problem liegen.“

Von der sogenannten Ferber-Methode („Jedes Kind kann schlafen lernen“) hält Hempel deshalb nichts. Dabei lässt man das Kind allein im Bett. Falls es schreit, schaut man streng nach Uhr zu bestimmten Zeiten kurz rein. „Das Kind muss sich selber helfen.  Es versucht verzweifelt, sein Bedürfnis kundzutun, aber es bleibt unbeantwortet“, erklärt Hempel. Deshalb schalte ein Notprogramm ein: Weil es fürs Schreien zu viel Energie brauche, schlafe das Kind ein. Das funktioniert bei manchen Kindern, aber um welchen Preis? „Wir wollen doch, dass unsere Kinder ihren Selbstwert erleben (also später Selbstbewusstsein entwickeln) und ihre Bedürfnisse spüren, mitteilen und beantwortet bekommen. Wie kann ich das erwarten, wenn ich über seine Bedürfnisse hinweggehe?“, fragt Hempel.

Meist kommen die Eltern erst zu Anika Hempel, wenn die Not groß ist. Oft schlafen die Kinder  nur auf eine bestimmte Art ein: zum Beispiel beim Tragen, Stillen oder auf dem Pezziball. „Das beginnt im ersten Lebensjahr und zieht sich in manchen Familien dann weiter durch. Ich hatte auch schon Dreijährige hier“, erzählt die Schlafberaterin. Manchen Eltern fehlt ohne Hilfe von außen die Kraft, etwas zu ändern. Oder auch das Vertrauen, dass die Kinder das überhaupt können: allein einschlafen.

„Damit ein Kind schlafen kann, ist es wichtig, dass am Tag alle Bedürfnisse befriedigt worden sind“, sagt Hempel. Wenn da noch was offen sei, funktioniere es nicht. Zum Beispiel wenn der Kuschelspeicher nicht ganz aufgefüllt sei. Oder sie keine 100-prozentige Aufmerksamkeit bekommen haben. „Es ist wichtig, dass sich Eltern am Tag Zeit nehmen und diese nur dem Kind widmen, ohne mit einem Auge beim Handy und bei WhatsApp zu sein.“

Bei Helvi liegt das Problem woanders, sagt Anika Hempel. „Für sie war Schlafen von Anfang an mit Körperkontakt verbunden. Sie hat bisher nicht erfahren, wie es anders funktioniert.“

Und da müssen wir ran, wenn wir unser Ziel erreichen wollen: Helvi schläft im eigenen Bett ein und schafft den Mittagschlaf allein. „Sie als Eltern können Helvi bei diesem Prozess begleiten, dass sie Stück für Stück weniger Unterstützung beim Schlafen braucht“, sagt Anika Hempel. Dafür brauche sie einen festen Rahmen. „Ein Rahmen gibt Halt, damit ich weiß, wo ich hingehöre.“ Bei Helvi ist das ihr Kinderbett. Das Elternbett muss deshalb raus aus der Einschlafsituation, sagt Hempel. Wir besprechen, wie wir das ganz praktisch lösen können: Es kommt ein Sessel neben das Kinderbett. Da wollen wir in Zukunft vor dem Schlafen noch ein Buch mit Helvi lesen und kuscheln. Hempel empfiehlt für Kinder eine klare Abendroutine. „Routine heißt für Kinder Wohlfühlen“, sagt sie. Für Helvi heißt das: Nach Abendessen und Spielen trinkt sie mit Mama oder Papa ihre Milch auf dem Sofa. „Seien Sie da ganz bei ihr, unterhalten Sie sich auch nicht nebenher mit ihrem Mann in der Küche“, empfiehlt Hempel. Dann umziehen und Zähneputzen. Nach dem Buch lesen im Sessel sage ich: „Ich lege dich jetzt ins Bett und bleibe bei dir, bis du schläfst.“ Falls Helvi aus dem Bett raus will und ins Elternbett, sage ich: „Das ist Mamas und Papas Bett und das ist Helvis Bett, da schläfst du. Ich streichle dich.“ Anika Hempel bereitet mich darauf vor, dass ich das vielleicht mantraartig wiederholen werde. „Eventuell sagen Sie das 50 Mal, aber Helvi wird es jeden Tag besser verstehen.“ Wenn sie weint, nehme ich sie aus dem Bett. Wenn sie sich beruhigt hat, lege ich sie wieder rein. Das klingt nach harter Arbeit. Helvi ist zäh und wird ihre Pfründe verteidigen. Aber nach dem Gespräch mit Anika Hempel habe ich richtig Lust, gleich loszulegen.

Papa übernimmt den ersten Abend. Helvi findet es im Sessel zwar noch lustig, aber in ihrem Bettchen hört der Spaß auf. Sie weint laut, Papa nimmt sie drei Mal wieder raus und wiederholt sein Mantra. Immer wenn er denkt, sie ist eingeschlafen, hält sie seine Hand wieder ganz fest. Nachts weckt sie uns die üblichen fünf Mal. Aber sie bleibt bis zum nächsten Morgen im eigenen Bett. Am nächsten Nachmittag wacht sie zwar nach einer halben Stunde auf und ruft nach Mama, schläft dann aber nach ein bisschen Händchenhalten noch anderthalb Stunden weiter. Am Abend schläft sie mit ein wenig Murren ziemlich schnell in ihrem Bett ein. Einfacher als gedacht – aber wir wissen, es können auch noch andere Tage kommen.

Der Biorhythmus braucht etwa 14 Tage, um sich umzustellen und an einen neuen Rahmen zu gewöhnen. „Es ist deshalb wichtig, dass Sie dranbleiben und es immer gleich machen“, sagt Hempel. Wenn das Einschlafen im eigenen Bett funktioniert, ist der nächste Schritt dran. Dann fahren wir den Körperkontakt zurück und halten Helvis Hand nicht mehr beim Einschlafen. So eine Art Eltern-Ausschleichen in kleinen Schritten.

Und was machen wir, damit Helvi beim Mittagschlaf allein über ihre halbe Stunde rauskommt? „Wenn sie erfährt, dass sie ohne Unterstützung einschlafen kann, dann wird sie auch nach Wachphasen allein wieder in den Schlaf finden“, sagt Hempel.

Jo, der Schlafhelfer

Anika Hempel gibt mir noch einen Tipp: Wir können Helvis Kuscheltier einbinden. Jo ist Helvis Löwe. Bevor er beim Essen nicht neben ihr sitzt und seinen Latz trägt, mag auch Helvi nicht essen. „Das ist ein super Freund“, sagt Hempel. „Wenn wir als Eltern weniger Unterstützung geben, tritt er auch beim Schlafen mehr in den Fokus. Mit ihm kann sie schmusen und ihm noch was erzählen.“ Wir sollen Jo ruhig ins abendliche Mantra einbauen: „Der Löwe schläft bei dir.“

Hempel ermutigt uns, Helvi zu bestärken. „Sagen Sie nicht das Negative im Sinne von: Du Arme, das ist jetzt eine große Herausforderung für dich. Sondern: Du schaffst das, ich bin bei dir.“ Die Sprache spiele eine große Rolle, auch wenn das Kind noch nicht jedes Wort verstehe, sagt Hempel. „Aber sie kann den Mut spüren.

Helvi und wir stehen mit unseren Veränderungen noch ganz am Anfang. Ist es auch schon vorgekommen, dass Eltern mittendrin aufgegeben haben? Ja klar, das kommt vor, sagt Hempel. „Wenn es nicht klappt, dann sind Sie mit dem Thema möglicherweise noch nicht an der Schmerzgrenze. Nur wenn ich mit meiner inneren Haltung ganz klar bin, kann ich auch eine klare Struktur schaffen. Dann erkennt das Kind einen roten Faden.“ Und dann sei das mit der Veränderung oft gar nicht so schwierig.